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  WIRTSCHAFT - ALLGEMEIN
     
    Vielschichtige Freiberufler-Welt in Österreich
   

Den typischen Freiberufler gibt es offensichtlich auch in Österreich nicht. Das zeigt eine Freelancer-Befragung durch die COMPUTERWELT Österreich. Gemeinsamer Nenner für selbständige IT-Experten ein ausgeprägter Individualismus.

Freiberuflichkeit ist in der IT-Branche eine ganz typische "Arbeitsweise". Will man den Prototypen dafür skizzieren, erhält man folgendes Ergebnis: Für den Freelancer ist die Selbständigkeit das bervorzugte Arbeitsmodell. Er ("sie" kommt nur selten vor) ist zwischen 25 und 40 Jahre alt, hat eine höhere Ausbildung genossen, ist bereits zwischen einem und fünf Jahren selbständig und empfindet lediglich die aufwändige Suche nach neuen Projekten als Nachteil. Wie vielschichtig die Freiberufler-Welt in Österreich tatsächlich ist, lässt sich an einzelnen Umfrageergebnissen ablesen.

Arbeitsmodell

Auf Grund des IT-Fachkräftemangels greifen immer mehr Unternehmen für DV-Projekte auf freiberuflich tätige Mitarbeiter zurück. Ihr großer Vorteil: Hohe Flexibilität, keine Lohnnebenkosten. In Österreich gibt es derzeit rund 10.000 Einzelunternehmen mit EDV-Gewerbeschein und noch einmal die gleiche Anzahl, so Schätzungen, die ohne Gewerbeschein arbeiten. Für über zwei Drittel der Freelancer ist die Selbständigkeit das bervorzugte Arbeitsmodell (67 Prozent). Weitere 21 Prozent sehen die Selbständigkeit als gleichgestellte Alternative zu einer Festanstellung. Nur für elf Prozent ist die Selbständigkeit eine Not- oder Übergangslösung.

 

Vorteile und Nachteile

Als wichtigste Vorteile empfinden die Freelancer vor allem, sich Kunden und Projekte selbst aussuchen zu können, die abwechslungsreiche Tätigkeit und die Tatsache, sein eigener Chef zu sein. Dabei geht es nicht vordringlich um finanzielle Vorteile, die Möglichkeit, allein Entscheidungen treffen zu können oder gar eine schnellere Karriere.
Andererseits gehört zu den Nachteilen der Selbständigkeit die Unsicherheit über zukünftige Einnahmen. Auch die aufwändige Suche nach neuen Projekten und die hohe Arbeitsbelastung machen den Freelancern zu schaffen.

 

Berufliche Historie

Dabei kann sich die "berufliche Historie" des Freiberuflers entscheidend auswirken. Mehrheitlich waren die Freelancer nämlich vorher angestellt (69 Prozent), nur 13 Prozent wagten den Sprung direkt von der Ausbildung in die Selbständigkeit.
Ein gutes Viertel der Freelancer sind kürzer als ein Jahr selbständig. Dieser Schritt hat sich offenbar gelohnt. Denn weit über die Hälfte der Freelancer ist bereits zwischen einem und fünf Jahren "frei", 14 von Hundert der Befragten sind sogar schon zwischen fünf und zehn Jahren ihr eigener Chef.

 

Honorar

Die Mehrheit der Freiberufler ist überzeugt, dass sie als Selbständige besser verdienen als in einer Festanstellung. Nur knapp ein Viertel sehen in der Festanstellung die höheren Verdienstchancen. Wie stark Stundensätze schwanken können, belegen weitere Ergebnisse der Freelancer-Befragung durch die COMPUTERWELT Österreich. Etwa je ein Viertel der Freelancer verdienen: zwischen 500 und 750 ATS pro Stunde, zwischen 750 und 1.000 ATS sowie zwischen 1.000 und 1.500 ATS. Zu den Spitzenverdienern (über 1.500 ATS pro Stunde) zählen zwölf Prozent der Freiberufler, Nur elf Prozent setzen weniger als 500 ATS pro Stunde um.
Diese Honorare erwirtschaften sie vorwiegend in den Geschäftsfeldern Softwareentwicklung oder Beratung. Zwölf Prozent der Freelancer sind vor allem als Projektleiter tätig.

 

Auftragsdauer

Die Aufträge der Freiberufler dauern durchschnittlich zwischen drei Monaten und einem Jahr. Sehr kurze Aufträge (unter einem Monat) sind für ein Fünftel der Freiberufler die Regel. Für über die Hälfte vergeht lediglich eine Woche bis zum Anschlussauftrag.

 

Weiterbildung

Vielleicht hat die starke Nachfrage ihren Grund in den deutlichen Weiterbildungsaktivitäten. Über zwei Drittel der Freelancer widmen nämlich zwischen zehn und über 20 Prozent ihrer Zeit der marktgerechten Qualifizierung.

 

IT-Wirtschaft

Freiberufler in Österreich sind aktive Marktteilnehmer einer lebendigen Branche. Das inländische Marktvolumen der IT-Wirtschaft betrug im Jahr 2000 ATS 240 Mrd., die Auslandsumsätze lagen über ATS 60 Mrd. Daran wirkten auch jene neu ins Leben gerufenen 27000 Unternehmen mit, durch die Österreich im Jahr 2001 einen neuen Gründerrekord verzeichnen konnte, wie die Wirtschaftskammer Österreich (WKÖ) bekannt gab. Österreichische Jungunternehmer und Selbständige hätten einen längeren Atem als viele Kollegen in den anderen EU-Ländern: Rund 70 Prozent der Neugründer seien auch nach fünf Jahren noch im Geschäft. Ein Viertel der Neugründungen entfalle derzeit auf die "New Economy" im weiteren Sinn, so die WKÖ weiter. Die Unternehmen seien den Bereichen Informationstechnologie und Unternehmensberatung zuzuordnen.
Im Gesamtmarkt moderner Technologien bildet der Telekom-Bereich das größte Segment. Dienstleistung und Handel von IT fließen vor allem bei Systemhäusern zusammen, die teilweise auch Eigenproduktionen anbieten. Der Fachverband Unternehmensberatung und Informationstechnologie der Österreichischen Computer-Gesellschaft in Wien beobachtet im Dienstleistungsbereich vermehrt Trends zu Auslandsengagements. Dies trifft besonders für Marktsegmente wie "Finanzdienstleistungen" zu.
Die Hauptrichtungen im Export moderner Technologien und Skills gehen dabei besonders nach Deutschland sowie in die übrige Europäische Union (EU). Die Exporterfolge - vor allem nach dem EU-Beitritt - haben dazu geführt, dass sich früher unterschätztes österreichisches Know-how auf internationalen Märkten etablieren kann, urteilt der Fachverband Unternehmensberatung und Informationstechnologie. Doch dieses Hightech-Potenzial steht offenbar nicht genügend im Licht der Öffentlichkeit. So beklagt der Fachverband die "landestypische Bewusstseinshaltung": Österreichs Darstellung nach außen hin konzentriere sich auf die Bereiche Kultur und Tourismus und auf klassische Branchen wie Holz, Papier oder Maschinenbau. Selbst Wirtschaftszweigen, die eine stark nachlassende Tendenz zeigten ("Hutmacher und Modisten", "Besenbinder") werde in einschlägigen Verzeichnissen mehr Aufmerksamkeit gewidmet, als der dynamischen IT-Branche.

 

Personen und Profile

  • Alter der Befragten: Die Freelancer sind ziemlich gleichmäßig über die verschiedenen Altersgruppen verteilt: zehn Prozent sind jünger als 25 Jahre, 22 Prozent zwischen 25 und 30 Jahre, 25 Prozent zwischen 30 und 35 Jahre und 17 Prozent zwischen 35 und 40 Jahre alt. In der Altersgruppe über 40 Jahren befinden sich 25 Prozent der Freiberufler.
  • Die überwiegende Mehrheit der Freelancer (89 Prozent) in der Erhebung ist männlich, nur elf Prozent sind Frauen - Freiberuflichkeit ist wie die DV insgesamt nach wie vor von Männern dominiert.
  • Mehr als ein Drittel der Freelancer (37 Prozent) weist einen Studienabschluss auf (Universität oder FH). Weitere 35 Prozent haben eine Matura, 24 Prozent absolvierten einen anderen Ausbildungsgang. Nur vier Prozent der Freiberufler verfügen über keine abgeschlossene Berufsausbildung.